Fortsetzung von Teil 1:
https://spruchverfahren.blogspot.com/2026/07/das-squeeze-out-verfahren-in-spanien.html
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B. Aktuelle CNMV-Präzedenzfälle zum precio equitativo seit 2023
Die nachfolgende Zusammenstellung dokumentiert die aktuelle Verwaltungspraxis der CNMV zu Artikel 130 bis 137 LMV (Ley 6/2023) in Verbindung mit Artikel 9 und 10 RD 1066/2007. Sie behandelt die Zwölfmonats-Höchstpreisregel, die Behandlung freiwilliger Angebote, konkurrierende Bieterlagen, Tausch-OPAs, Delisting-Angebote sowie Auto-OPAs.
I. FCC / Control Empresarial de Capitales (Oktober 2023)
Delisting-OPA durch Kapitalherabsetzung
Es handelte sich um ein freiwilliges Angebot zur Kapitalherabsetzung mit gleichzeitigem Delisting zum Preis von EUR 12,50 je Aktie. Die CNMV bestätigte ausdrücklich, dass der Preis precio equitativo im Sinne des Artikel 110 LMV (heute Artikel 130 LMV Ley 6/2023) und des Artikel 9 RD 1066/2007 darstellt. Das Verfahren gilt als erster größerer Anwendungsfall unter dem neuen LMV-Regime.
Bewertungsrechtlich bedeutsam ist der Nachweis über Vorerwerbe der letzten zwölf Monate sowie die Vorlage eines unabhängigen Sachverständigengutachtens nach Artikel 10 Absatz 5 RD 1066/2007.
II. Opdenergy / GCE BidCo (Antin Infrastructure Partners), 2023/2024
Freiwillige OPA mit anschließendem Squeeze-out
Freiwilliges Übernahmeangebot auf 100 % zum Preis von EUR 5,85 je Aktie in bar. Die CNMV stellte klar, dass bei freiwilliger OPA der Preis zwar grundsätzlich frei bestimmbar ist, der gezahlte Preis jedoch als precio equitativo gilt, weil er dem höchsten vom Bieter in den vorangegangenen zwölf Monaten gezahlten Preis entsprach.
Am 15. April 2024 folgte der Squeeze-out zum identischen Preis von EUR 5,85. Das anschließende Delisting erfolgte nach Artikel 48 Absatz 10 RD 1066/2007. Der Fall ist Musterbeispiel für die Verzahnung von precio equitativo, venta forzosa und exclusión.
III. Applus Services – konkurrierende Angebote, 2023/2024
Manzana (Apollo) gegen Amber (I Squared / TDR)Der Fall bildete den ersten praktischen Test der neuen Regeln zu konkurrierenden Angeboten und Preisverbesserungen unter der Ley 6/2023. Die CNMV autorisierte das Angebot Manzana am 17. Januar 2024. Es folgten mehrere Preiserhöhungen: von EUR 10,65 auf EUR 12,51 durch Manzana bzw. EUR 12,78 durch Amber im April 2024. Die Erhöhungen wurden im Umschlagverfahren (sobres cerrados) nach Artikel 42 RD 1066/2007 abgewickelt.
Für den precio equitativo bedeutsam ist die Klarstellung der CNMV, dass der bei einer freiwilligen OPA erreichte Preis auch dann als angemessener Preis fingiert wird, wenn er im Verlauf einer Bietkampagne mehrfach erhöht wurde. Dies wirkt sich unmittelbar auf eine spätere venta forzosa aus.
IV. BBVA / Banco Sabadell (2024/2025)
Grundsatzfall zum precio equitativo bei TauschangebotenDas feindliche Tauschangebot sah ursprünglich eine Gegenleistung von einer BBVA-Aktie zuzüglich EUR 0,70 in bar je 5,5483 Sabadell-Aktien vor. Am 22. September 2025 modifizierte BBVA das Angebot zu einem reinen Aktientausch von einer BBVA-Aktie gegen 4,8376 Sabadell-Aktien, was einer Verbesserung um rund 10 % entsprach. Die CNMV genehmigte die verbesserte Offerte am 25. September 2025.
Zentrale Prüfungspunkte der CNMV waren:
• die Behandlung des precio en efectivo equivalente nach Artikel 14 Absatz 4 RD 1066/2007 beim Übergang von einem Mischangebot zu einem reinen Aktientausch einschließlich der Vorlage eines unabhängigen Bewertungsberichts;
• die Frage, welcher Preis bei möglichem Scheitern der freiwilligen Tausch-OPA und einer daran anschließenden Pflicht-OPA als precio equitativo nach Artikel 9 RD 1066/2007 – höchster in zwölf Monaten gezahlter Preis – zu gelten hätte. Die CNMV kündigte an, ihre Kriterien am 17. Oktober 2025 offenzulegen.
Der Fall ist der derzeit wichtigste Referenzfall zur Preisäquivalenz zwischen freiwilliger Tausch-OPA und potenzieller nachfolgender Pflicht-OPA und wird die Verwaltungspraxis der kommenden Jahre prägen.
V. Naturgy Auto-OPA (Mai 2025)
Freiwillige Teil-OPA auf eigene AktienFreiwillige Teil-OPA über bis zu 88 Millionen eigene Aktien – 9,08 % des Kapitals – zu einem Preis von EUR 26,50 je Aktie und einem Gesamtvolumen von EUR 2,332 Milliarden. Die CNMV genehmigte die Transaktion am 28. Mai 2025.
Die CNMV stellte fest, dass bei freiwilliger OPA der Preis grundsätzlich frei bestimmbar sei, unterwarf ihn jedoch einer Angemessenheitsprüfung als precio justo. Bemerkenswert ist der bewusste terminologische Wechsel von precio equitativo zu precio justo, da die Zwölfmonatsregel als Untergrenze mangels relevanter Vorerwerbe nicht griff. Der Beschluss ist ein Referenzfall für Auto-OPAs und Rückkaufangebote unter der Ley 6/2023.
VI. Ercros / Bondalti Ibérica (2026)
Pflicht-OPA und anschließende Delisting-OPADie erste OPA von Bondalti Ibérica wurde am 10. Februar 2026 genehmigt. Die Annahmequote lag bei 77,23 %. Unmittelbar anschließend folgte eine Delisting-OPA nach Artikel 65 LMV (Ley 6/2023) und Artikel 10 RD 1066/2007, genehmigt am 22. Juli 2026 zum Preis von EUR 3,505 je Aktie.
Das Bewertungsgutachten weist eine DCF-Bandbreite von EUR 2,70 bis EUR 3,505 aus; der Angebotspreis lag damit am oberen Rand der Bandbreite. Der Fall ist Musterbeispiel für die kumulative Anwendung mehrerer Bewertungsmethoden nach Artikel 10 Absatz 5 RD 1066/2007 (liquidativer Wert, historisches Marktwertmittel, im Angebot gezahlter Preis, DCF und vergleichbare Transaktionen) bei Delisting-Angeboten.
VII. Fortwirkende Grundsatzrechtsprechung: TS 23. November 2020Auch nach Inkrafttreten der Ley 6/2023 bleibt das Urteil des Tribunal Supremo, Sala 3ª, vom 23. November 2020 die dogmatische Leitlinie für die gerichtliche Kontrolle der CNMV-Preisfestsetzung. Das Urteil hat die Anforderungen an die Unabhängigkeit des Sachverständigen, die Trennung zwischen Bewertungsauftraggeber und geprüftem Preis sowie an eine Mehrmethodenprüfung bei Delisting-Angeboten konturiert. Die Verwaltungspraxis der Jahre 2023 bis 2026 – insbesondere im FCC- und im Ercros-Fall – ist erkennbar an dieser Rechtsprechung ausgerichtet.
C. Systematische Beobachtungen für die Vergleichspraxis
• Freiwillige OPAs (Opdenergy, Applus, Naturgy): Die CNMV verlangt keine formelle Angemessenheitsprüfung, fingiert den Angebotspreis jedoch regelmäßig als precio equitativo für nachgelagerte Squeeze-outs, sofern er dem Höchstpreis der letzten zwölf Monate entspricht.
• Pflicht-OPAs und Tausch-OPAs (BBVA/Sabadell): Zentraler Streitpunkt bleibt der precio en efectivo equivalente sowie die Frage, ob der Marktkurs der Tauschaktie am Angebotstag oder gemittelt anzusetzen ist.
• Delisting-OPAs (FCC, Ercros): Erhöhte Prüfdichte durch den Fünf-Methoden-Kanon und die zwingende Vorlage unabhängiger Sachverständigengutachten. Hier ist der Rechtsschutz für Minderheitsaktionäre am stärksten ausgeprägt.
• Regulatorische Weiterentwicklung: Der Entwurf zur Erweiterung des OPA-Regimes auf MTF-notierte Gesellschaften – öffentliche Konsultation vom 8. Januar 2025 – sowie die aktuelle Diskussion um eine Reform der Artikel 9 und 10 RD 1066/2007 werden das Konzept des precio equitativo in der Folgezeit weiter präzisieren.
D. Bewertungsrechtliche Einordnung
Für die vergleichende Betrachtung im Rahmen deutscher Spruchverfahren ist bemerkenswert, dass Spanien – ähnlich der niederländischen uitkoopprocedure, aber anders als Deutschland, Österreich und die Schweiz – keine gerichtliche Ex-post-Angemessenheitskontrolle mit Nachbesserungspflicht kennt. Der Angebotspreis wirkt vielmehr als unwiderlegliche Vermutung für den angemessenen Preis, sofern die CNMV das Übernahmeangebot gebilligt hat.
Bewertungsangriffe – etwa gegen Peer-Group-Auswahl, Beta-Ableitung, Marktrisikoprämie oder die Synergiezuordnung – müssen deshalb bereits vor Abschluss des Übernahmeangebots in das CNMV-Verfahren eingespeist werden. Nach Bestandskraft der CNMV-Entscheidung ist eine wirtschaftliche Nachbesserung praktisch nicht mehr zu erreichen. Aus Sicht der Minderheitsaktionäre führt dies zu einer klaren Vorverlagerung des Bewertungsstreits in die Phase der Angebotsgenehmigung.