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Sonntag, 1. November 2026

Squeeze-out in Japan: Zwei Wege, ein strenges Verfahren und erste Erfolge vor Gericht

von Rechtsanwalt Martin Arendts, M.B.L.-HSG

Japan ist einer der aktivsten Märkte für Rückzüge von der Börse. Konzernmütter integrieren börsennotierte Töchter, Finanzinvestoren und Managementteams übernehmen Unternehmen vollständig. Am Ende steht regelmäßig ein Squeeze-out, der Ausschluss der verbliebenen Minderheitsaktionäre (スクイーズアウト, sukuīzu auto). Ein Spruchverfahren nach deutschem Muster kennt das japanische Recht nicht. Der Schutz der Minderheit läuft vielmehr über ein individuelles gerichtliches Preisfestsetzungsverfahren, dessen Reichweite die Rechtsprechung lange eng gezogen hat. Seit einigen Jahren kommt jedoch hier Bewegung hinein.

Zweistufiges Vorgehen

In der Praxis erfolgt der Ausschluss fast immer in zwei Schritten. Zunächst gibt der Erwerber ein öffentliches Übernahmeangebot ab (公開買付け, kōkai kaitsuke). Anschließend werden die Aktionäre, die nicht angedient haben, zum selben Preis aus der Gesellschaft gedrängt. Rechtsgrundlage ist das japanische Gesellschaftsgesetz (会社法, kaishahō). Es stellt dafür zwei Instrumente zur Verfügung.

Verkaufsverlangen ab 90 %

Hält der Erwerber mindestens 90 % der Stimmrechte, ist er besonderer beherrschender Aktionär (特別支配株主, tokubetsu shihai kabunushi). Er kann dann von allen übrigen Aktionären die Übertragung ihrer Aktien gegen Barzahlung verlangen (株式等売渡請求, kabushiki-tō uriwatashi seikyū, Art. 179 ff. Gesellschaftsgesetz). Erforderlich ist lediglich die Zustimmung des Verwaltungsrats der Zielgesellschaft (取締役会, torishimariyakukai), ein Beschluss der Hauptversammlung (株主総会, kabunushi sōkai) ist nicht nötig. Das Verfahren ist damit deutlich schlanker als der deutsche aktienrechtliche Squeeze-out, der eine Beteiligung von 95 % (bzw. 90 % bei einem verschmelzungsrechtlichen Squeeze-out) und einen Hauptversammlungsbeschluss voraussetzt.

Die betroffenen Aktionäre können zwischen dem 20. Tag vor dem Erwerbsstichtag und dem Vortag bei Gericht die Festsetzung des Kaufpreises beantragen (売買価格の決定の申立て, baibai kakaku no kettei no mōshitate, Art. 179-8). Daneben gibt es einen Unterlassungsanspruch (差止請求, sashitome seikyū), wenn das Verlangen gegen Gesetz oder Satzung verstößt oder die Gegenleistung grob unangemessen ist. Außerdem kann innerhalb von sechs Monaten nach dem Erwerbsstichtag die Nichtigkeit des Erwerbs gerichtlich geltend gemacht werden (無効の訴え, mukō no uttae, Art. 846-2).

Aktienzusammenlegung ab zwei Dritteln

Erreicht der Erwerber die 90 % nicht, hält er aber mindestens zwei Drittel, greift er zur Aktienzusammenlegung (株式併合, kabushiki heigō, Art. 180 ff.). Die Hauptversammlung beschließt mit qualifizierter Mehrheit von zwei Dritteln der anwesenden Stimmen ein Zusammenlegungsverhältnis, bei dem allen Aktionären außer dem Erwerber nur noch Bruchteile einer Aktie (端数, hasū) verbleiben. Diese Bruchteile werden mit gerichtlicher Erlaubnis an den Erwerber veräußert und in bar abgegolten (Art. 235 in Verbindung mit Art. 234). Wie radikal das ausfallen kann, zeigt Toyota Industries: Zum 3. Juni 2026 wurden dort 74.100.604 Aktien zu einer einzigen Aktie zusammengelegt.

Dieser Weg ist in der Praxis der häufigere. Er hat für die Minderheit eine bemerkenswerte Folge: Ein Großaktionär mit zwei Dritteln kann sie aus der Gesellschaft drängen. Nach deutschem Recht wäre das ohne Erreichen der Squeeze-out-Schwellen nicht möglich.

Formstrenge beim Ankaufsrecht

Bei der Aktienzusammenlegung steht dem widersprechenden Aktionär ein Recht auf Ankauf seiner Aktien zum angemessenen Preis zu (株式買取請求権, kabushiki kaitori seikyūken). Die Voraussetzungen sind streng und greifen früh:
  • Der Aktionär muss der Gesellschaft schon vor der Hauptversammlung seinen Widerspruch mitteilen und in der Versammlung gegen die Zusammenlegung stimmen (Art. 182-4 Abs. 2).
  • Das Ankaufsverlangen ist zwischen dem 20. Tag vor dem Wirksamwerden der Zusammenlegung und dem Vortag zu stellen.
  • Die Aktionärsstellung wird über eine Einzelaktionärsmitteilung (個別株主通知, kobetsu kabunushi tsūchi) der zentralen Wertpapierverwahrstelle (証券保管振替機構, kurz ほふり, hofuri) nachgewiesen. Das Verlangen muss innerhalb von vier Wochen nach dieser Mitteilung erfolgen.
  • Antragsbefugt ist nur, wer im Verwahrregister selbst als Aktionär eingetragen ist. Wirtschaftliche Eigentümer, die über eine Depotbank halten, müssen ihre Aktien rechtzeitig auf ein eigenes Konto umbuchen lassen oder die Depotbank zur Rechtsausübung bewegen.
  • Nach dem Wirksamwerden haben Gesellschaft und Aktionär 30 Tage Zeit für Verhandlungen. Kommt keine Einigung zustande, kann jede Seite zwischen dem 30. und dem 60. Tag beim Landgericht (地方裁判所, chihō saibansho) am Sitz der Gesellschaft die Preisfestsetzung beantragen (価格決定の申立て, kakaku kettei no mōshitate, Art. 182-5 Abs. 2).
  • Ab dem 61. Tag wird der festgesetzte Preis mit dem gesetzlichen Zinssatz von derzeit 3 % verzinst. Die Gesellschaften zahlen deshalb häufig vorab den Betrag, den sie selbst für angemessen halten.
Wer die Fristen und den Widerspruch in der Hauptversammlung versäumt, ist jedoch ausgeschlossen. Anders als im deutschen Spruchverfahren gibt es keine nachgelagerte Antragsfrist für alle betroffenen Aktionäre und keinen gemeinsamen Vertreter für diejenigen, die keinen Antrag stellen. Eine gerichtliche Erhöhung kommt nur den Antragstellern zugute (motiviert diese also).

Entscheidung "Jupiter Telecom" als Weichenstellung

Maßgeblich geprägt wird die Bewertungspraxis durch den Beschluss des Obersten Gerichtshofs (最高裁判所, saikō saibansho) vom 1. Juli 2016 im Fall Jupiter Telecommunications (J:COM). Die Vorinstanzen hatten noch einen eigenen objektiven Wert ermittelt und einen Anteil an der erwarteten Wertsteigerung hinzugerechnet. Der Oberste Gerichtshof hob dies auf. Ist das Übernahmeangebot in einem allgemein als fair anerkannten Verfahren zustande gekommen und erfolgt der anschließende Ausschluss zum selben Preis, soll das Gericht diesen Preis grundsätzlich als angemessen übernehmen. Eine Ausnahme gilt nur bei besonderen Umständen, etwa einer unvorhergesehenen Änderung der Bewertungsgrundlagen. Als Bausteine eines fairen Verfahrens nannte das Gericht insbesondere einen unabhängigen Sonderausschuss (特別委員会, tokubetsu iinkai), unabhängige Bewertungsgutachten und die vorherige Ankündigung, dass nicht andienende Aktionäre zum Angebotspreis ausgeschlossen werden.

Die Leitlinien des Wirtschaftsministeriums (経済産業省, keizai sangyōshō) zu fairen Unternehmensübernahmen aus dem Jahr 2019 (公正なM&Aの在り方に関する指針, kōsei na M&A no arikata ni kansuru shishin) haben diese Verfahrensanforderungen weiter ausgeformt. Dazu gehören ein starker Sonderausschuss und als Empfehlung eine Mindestannahme durch die Mehrheit der Minderheitsaktionäre (マジョリティ・オブ・マイノリティ条件, majoriti obu mainoriti jōken). Für die Gerichte verschiebt sich der Prüfungsgegenstand damit von der Unternehmensbewertung zur Verfahrenskontrolle. Erst wenn das Verfahren Mängel aufweist, bewertet das Gericht selbst.

"FamilyMart" und "SHiDAX"

Dass diese Verfahrenskontrolle kein Freibrief ist, zeigt der Fall FamilyMart. Itochu hatte im Jahr 2020 die Minderheitsaktionäre der Convenience-Store-Kette zu JPY 2.300 je Aktie übernommen. Das Landgericht Tokio (東京地方裁判所) setzte am 23. März 2023 einen Preis von JPY 2.600 fest. Das Obergericht Tokio (東京高等裁判所) bestätigte dies im Wesentlichen am 31. Oktober 2024. Das Verfahren sei nicht allgemein fair gewesen, weil der Sonderausschuss den Preis für unzureichend gehalten und Itochu diese Einschätzung übergangen habe. Der Finanzberater des Ausschusses hatte eine Spanne von JPY 2.472 bis JPY 3.040 ermittelt. Nach Presseberichten vom Februar 2026 war das Verfahren noch nicht rechtskräftig abgeschlossen.

Nach Angaben des antragstellenden Investors Oasis hat das Landgericht Tokio am 23. Juli 2026 auch im Fall SHiDAX einen höheren Preis festgesetzt, nämlich JPY 950 statt des Angebotspreises von JPY 800. 

Toyota Industries: Nachbesserung statt Gerichtsverfahren

Der Fall Toyota Industries zeigt, dass die gestiegene Prozessgefahr bereits in der Angebotsphase wirkt. Der Angebotspreis der Toyota-Gruppe wurde von JPY 16.300 zunächst auf JPY 18.800 erhöht. Der (auch in Deutschland aktive) aktivistische Investor Elliott hielt rund 7 %, bezifferte den inneren Wert auf über JPY 26.000 und kündigte an, gegebenenfalls das Ankaufsrecht auszuüben. Nach einer weiteren Erhöhung auf JPY 20.600 dienten Elliott und seine verbundenen Gesellschaften ihre Aktien an. Sie verpflichteten sich, auf das Ankaufsrecht zu verzichten. Die anschließende Aktienzusammenlegung erfolgte zum selben Preis.

Reform des Gesellschaftsgesetzes

Das Justizministerium (法務省, hōmushō) hat am 2. April 2026 einen Zwischenentwurf zur Reform des Gesellschaftsgesetzes zur öffentlichen Konsultation gestellt, die bis zum 22. Mai 2026 lief. Er sieht vor, das Verkaufsverlangen des besonderen beherrschenden Aktionärs schon ab zwei Dritteln der Stimmrechte zu erlauben. Voraussetzung soll ein vorangegangenes Übernahmeangebot sein, das bestimmte Fairnessanforderungen erfüllt, darunter eine Mindestannahme durch die Mehrheit der Minderheit. Das Ankaufs- und Preisfestsetzungsrecht soll erhalten bleiben. Institutionelle Investoren wie der (weltweit und damit auch in Japan investierende) norwegische Staatsfonds lehnen die Absenkung ab und fordern zumindest eine verbindliche und objektiv überprüfbare Mindestannahme der Minderheit. Der Entwurf wird derzeit im Rechtsetzungsrat (法制審議会, hōsei shingikai) beraten.

Einordnung aus deutscher Sicht

Im Vergleich zum deutschen Recht fällt der Minderheitenschutz in Japan an mehreren Stellen schwächer aus. Die Schwelle für den Ausschluss liegt mit zwei Dritteln weit unter den deutschen 95 % beziehungsweise 90 % beim verschmelzungsrechtlichen Squeeze-out. Das Preisfestsetzungsverfahren wirkt nur zugunsten der Antragsteller und verlangt schon vor der Hauptversammlung aktives Handeln. Vor allem prüfen die Gerichte seit "Jupiter Telecom" in erster Linie das Verfahren und nicht den Unternehmenswert. Eine eigenständige Bewertung mit dem Börsenkurs als Untergrenze, wie sie das Bundesverfassungsgericht für Deutschland verlangt, gibt es in dieser Form somit nicht.

Gleichwohl zeigen die Entscheidungen "FamilyMart" und "SHiDAX", dass japanische Gerichte bereit sind, den Angebotspreis zu korrigieren, wenn der Sonderausschuss seiner Aufgabe nicht gerecht geworden ist. Für Minderheitsaktionäre liegt der Ansatzpunkt damit in der Arbeit des Sonderausschusses, in der Offenlegung und im Abgleich des Angebotspreises mit der Bewertungsspanne der eigenen Berater der Zielgesellschaft. Ob die geplante Reform den Schutz im Ergebnis stärkt oder schwächt, hängt wesentlich davon ab, wie streng die Mindestannahme durch die "Mehrheit der Minderheit" am Ende ausgestaltet wird.

Freitag, 30. Oktober 2026

HELLA GmbH & Co. KGaA: FORVIA HELLA legt Finanzergebnisse für die ersten neun Monate 2026 vor

PRESSEMITTEILUNG

Lippstadt, Deutschland

30. Oktober 2026
  • Währungsbereinigter Umsatz steigt um 1,0 Prozent auf 5.925 Millionen Euro; unter Berücksichtigung negativer Wechselkurseffekte liegt der Umsatz knapp über Vorjahresniveau
  • Wachstum in den Business Groups Elektronik und Lifecycle Solutions; Umsatz im Lichtbereich geht zurück
  • Operating Income reduziert sich auf 294 Millionen Euro, Operating Income-Marge beträgt 5,0 Prozent
  • Netto Cashflow beläuft sich auf -99 Millionen Euro; Netto Cashflow in Relation zum Umsatz liegt bei -1,7 Prozent
  • Unternehmensausblick für das Geschäftsjahr 2026 wird in anspruchsvollem Markumfeld bestätigt
Die HELLA GmbH & Co. KGaA (“FORVIA HELLA”) hat heute die Finanzergebnisse für die ersten neun Monate des Geschäftsjahres 2026 veröffentlicht (1. Januar bis 30. September 2026). Der währungsbereinigte Umsatz steigt demnach um 1,0 Prozent auf 5.925 Millionen Euro; die weltweite Fahrzeugproduktion reduzierte sich demgegenüber in diesem Zeitraum um 0,7 Prozent. Unter Berücksichtigung negativer Wechselkurseffekte liegt der konzernweite Umsatz mit 5.883 Millionen Euro knapp über dem Niveau des Vorjahres (Vorjahr: 5.868 Millionen Euro).

Das Operating Income beträgt im Neun-Monats-Zeitraum 294 Millionen Euro (Vorjahr: 338 Millionen Euro); die Operating Income-Marge geht somit auf 5,0 Prozent zurück (Vorjahr: 5,8 Prozent). Der Netto Cashflow beläuft sich auf -99 Millionen Euro (Vorjahr: 68 Millionen Euro), im Verhältnis zum Umsatz beträgt der Netto Cashflow demnach -1,7 Prozent (Vorjahr: 1,2 Prozent).

„Wir agieren seit Beginn des Geschäftsjahres in einem volatilen, von hohem Wettbewerbsdruck geprägten Markt. Dass wir trotz eines rückläufigen Branchenumfelds unseren Umsatz stabil halten und die Entwicklung der Fahrzeugproduktion übertreffen konnten, zeigt unsere gute strategische Ausrichtung insbesondere in der Elektronik als unserem wesentlichen Wachstumsfeld. Darüber hinaus haben wir bereits frühzeitig Maßnahmen eingeleitet, um zusätzliche Kostenbelastungen abzufedern und befinden uns in engem und intensivem Austausch mit unseren Kunden, um Preissteigerungen insbesondere bei Elektronikbauteilen zu kompensieren. Auch haben wir wesentliche Fortschritte in unserem Lighting Transformation Program erzielt“, sagt Prof. Dr. Peter Laier, Vorsitzender der Geschäftsführung von FORVIA HELLA.

Wachstum in den Business Groups Elektronik und Lifecycle Solutions; Umsatz im Lichtbereich geht zurückIn der Business Group Elektronik, seit diesem Geschäftsjahr erstmals in der Geschichte des Unternehmens größter Geschäftsbereich, ist der Umsatz in den ersten neun Monaten 2026 um 5,2 Prozent (organisch: +6,8 Prozent) auf 2.712 Millionen Euro gestiegen (Vorjahr: 2.577 Mio. €). Maßgeblich hierfür ist insbesondere ein erfolgreiches Geschäft mit 77 GHz Radarsensoren, Steuerungselektronik wie etwa dem intelligent Power Distribution Module (iPDM, intelligentes Stromverteilungsmodul), sowie mit verschiedenen Energiemanagement-Komponenten, darunter etwa Low Volt- Batteriemanagementsysteme und Spannungswandler.

Im Lichtbereich reduzierte sich der Umsatz um 6,3 Prozent (organisch: -5,7 Prozent) auf 2.563 Millionen Euro (Vorjahr: 2.734 Millionen Euro). Zum einen ist der Geschäftsbereich grundsätzlich vom schwächeren Branchenumfeld betroffen gewesen. Zum anderen haben deutlich geringere Abrufzahlen, auch im Zusammenhang mit dem Kunden- und Produktmix der Business Group, sowie der Auslauf verschiedener großvolumiger Serienprojekte die Umsatzentwicklung des Bereichs erheblich beeinträchtigt.

In der Business Group Lifecycle Solutions hat sich der Umsatz um 4,2 Prozent (organisch: +4,8 Prozent) auf 770 Millionen Euro verbessert (Vorjahr: 739 Millionen Euro). So hat sich das Geschäft mit Herstellern von Spezialfahrzeugen, vorrangig in den Kundensegmenten Lkw und Bus, Landwirtschaft und Baumaschinen, weiter positiv entwickelt. Das freie Ersatzteilgeschäft hat von einer insgesamt höheren Nachfrage profitiert, zusätzlich unterstützt durch ein erweitertes Sortiment nach Wiedereinstieg in das Thermomanagement-Geschäft. Das Geschäft mit Werkstattausrüstung wurde ferner durch die Nachfrage nach Einstiegs-Diagnoselösungen sowie durch die Einführung neuer Kalibrierungsprodukte getragen.

Unternehmensausblick für das Geschäftsjahr 2026 wird in anspruchsvollem Marktumfeld bestätigt FORVIA HELLA bestätigt mit Vorlage der Quartalsergebnisse die Prognose für das laufende Geschäftsjahr (1. Januar bis 31. Dezember 2026). So erwartet das Unternehmen weiterhin einen währungsbereinigten Umsatz zwischen rund 7,4 und 7,9 Milliarden Euro, und zwar nun einen Wert in der oberen Hälfte der gegebenen Prognosebandbreite. Im Hinblick auf die Operating Income-Marge erwartet FORVIA HELLA weiterhin einen Wert zwischen rund 5,4 und 6,0 Prozent und geht hierbei von einem Wert am unteren Ende der Bandbreite aus. Für den Netto Cashflow im Verhältnis zum Umsatz wird nach wie vor ein Wert von mindestens 1,8 Prozent erwartet.

„Wir werden die derzeitigen Herausforderungen innerhalb der Automobilindustrie mit stringenter Kostensteuerung, mit der umfassenden Kompensation von Preissteigerungen bei Elektronikbauteilen in engem Austausch mit unseren Kunden sowie mit einem unverändert hohen Fokus auf Cashgenerierung begegnen. Auch von unserem Lighting Transformation Program erwarten wir zum Jahresende hin einen positiven Effekt auf das Ergebnis. Wir sind daher zuversichtlich, auf Basis dieser Maßnahmen unsere Prognose für das Jahr einzuhalten,“ sagt FORVIA HELLA-CEO Peter Laier. „Gleichzeitig investieren wir weiter zielgerichtet in die Transformation der Mobilität. Mit der IGNITE-Strategie haben wir hierfür die wesentlichen Prioritäten gesetzt: Wir stärken insbesondere das Wachstumsfeld Elektronik, bringen unser Lichtgeschäft mit einem dezidierten Transformationsprogramm wieder auf Kurs und stärken dessen Profitabilität. Wir treiben die Internationalisierung voran und diversifizieren unsere Kundenbasis. Zugleich vereinfachen wir Prozesse und Strukturen, investieren in Künstliche Intelligenz und stärken damit unsere Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig."

Westwing Group SE: Veröffentlichung der Rocket Internet SE, der Global Founders GmbH, der Rocata GmbH und der Zerena GmbH über einen vorsorglichen Befreiungsbescheid nach § 37 WpÜG

München, 30. Oktober 2026

Die Rocket Internet SE mit Sitz in Berlin, welche an der Westwing Group SE beteiligt ist, hat gemeinsam mit der Global Founders GmbH, der Rocata GmbH und der Zerena GmbH, jeweils mit Sitz in Oberhaching (zusammen die „Antragsteller”), am 30. Oktober 2026 bekannt gegeben, dass die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht die Antragsteller auf deren gemeinsamen Antrag hin gemäß § 37 WpÜG unter Auflagen vorsorglich davon befreit hat, bei einer möglichen Erreichung der Kontrollschwelle von 30 % aufgrund etwaiger Einziehung von eigenen Aktien durch die Westwing Group SE ein Pflichtangebot abzugeben.

Die Befreiung gilt für jeden der Antragsteller.

Die Details der Befreiung sowie die konkreten Auflagen finden sich hier: Link

Befreiung der Rocket Internet SE u.a. von Übernahmepflichten bezüglich der Kontrollerlangung über die Westwing Group SE

Veröffentlichung des Tenors und der wesentlichen Gründe des Bescheids der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht vom 14. Oktober 2026 über die Befreiung nach § 37 Abs. 1 WpÜG von den Verpflichtungen gemäß § 35 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 1 WpÜG

in Bezug auf die Westwing Group SE, Berlin


Mit Bescheid vom 14. Oktober 2026 hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht („Bafin“) auf den Antrag

der Rocket Internet SE mit Sitz in Berlin (nachfolgend, die „Antragstellerin zu 1)“), der Global Founders GmbH mit Sitz in Oberhaching (nachfolgend, die „Antragstellerin zu 2)“), der Rocata GmbH mit Sitz in Oberhaching (nachfolgend, die „Antragstellerin zu 3)“) und der Zerena GmbH mit Sitz in Oberhaching (nachfolgend, die „Antragstellerin zu 4)“, und, gemeinsam mit der Antragstellerin zu 1), der Antragstellerin zu 2) und der Antragstellerin zu 3), die „Antragsteller“)

die Antragsteller gemäß § 37 Abs. 1 WpÜG von den Pflichten befreit, nach § 35 Abs. 1 Satz 1 WpÜG die Kontrollerlangung an der Westwing Group SE mit Sitz in Berlin zu veröffentlichen und nach § 35 Abs. 2 Satz 1 WpÜG der Bafin eine Angebotsunterlage zu übermitteln und diese nach § 35 Abs. 2 Satz 1 i.V.m. § 14 Abs. 2 Satz 1 WpÜG zu veröffentlichen.

Der Tenor des Bescheids der Bafin lautet wie folgt:
  1. Für den Fall, dass die Antragsteller die Kontrolle über die Westwing Group SE, Berlin, durch Einziehung von eigenen Aktien seitens der Westwing Group SE erlangen, werden die Antragsteller jeweils gemäß § 9 Satz 1 Nr. 5 WpÜG-AngebV, § 37 WpÜG von den Verpflichtungen befreit, nach § 35 Abs. 1 Satz 1 WpÜG die Kontrollerlangung über die Westwing Group SE, Berlin, zu veröffentlichen und gemäß § 35 Abs. 2 Satz 1 WpÜG innerhalb von vier Wochen nach der Veröffentlichung der Kontrollerlangung über die vorgenannte Gesellschaft der Bafin eine Angebotsunterlage zu übermitteln und diese gemäß § 14 Abs. 2 Satz 1 WpÜG zu veröffentlichen.
  2.  Die Befreiung ergeht unter dem Vorbehalt des Widerrufs (§ 36 Abs. 2 Nr. 3 VwVfG) für den Fall, dass die Antragsteller eigene oder ihnen nach § 30 WpÜG zuzurechnende Stimmrechte von 30 % oder mehr an der Westwing Group SE, Berlin, ausüben.
  3.  Die Befreiung ergeht unter dem Vorbehalt des Widerrufs (§ 36 Abs. 2 Nr. 3 VwVfG) für den Fall, dass die Antragsteller so viele Aktien an der Westwing Group SE halten oder ihnen nach § 30 WpÜG zugerechnet werden, dass trotz einer Ausübung von Stimmrechten von 30 % minus einer Aktie am jeweils ausstehenden Grundkapital der Westwing Group SE unter Abzug der Stimmrechte, die die Antragsteller gemäß Ziffer 2 des Tenors nicht ausüben dürfen, dies dazu führt, dass die Antragsteller 50 % plus einer Aktie des stimmberechtigten Kapitals an der Westwing Group SE vertreten.
  4. Die Befreiung ergeht unter dem Vorbehalt des Widerrufs (§ 36 Abs. 2 Nr. 3 VwVfG) für den Fall, dass die Antragsteller, nachdem sie infolge der Einziehung von eigenen Aktien seitens der Zielgesellschaft die Kontrolle im Sinne von § 29 Abs. 2 WpÜG über die Zielgesellschaft erlangt haben, Stimmrechte aus weiteren Aktien in einem Umfang von mehr als 6.650 Aktien der Zielgesellschaft erwerben.
  5.  Die Befreiung ergeht ferner mit den Auflagen (§ 36 Abs. 2 Nr. 4 VwVfG), dass die Antragsteller der Bafin das Eintreten folgender Umstände unverzüglich mitzuteilen haben:
    • die Erlangung der Kontrolle im Sinne von § 29 Abs. 2 WpÜG an der Westwing Group SE, Berlin, durch die Antragsteller,
    • den Erwerb von insgesamt mehr als 6.650 Stimmrechten an der Zielgesellschaft.
6. Die Befreiung ergeht mit der weiteren Auflage (§ 36 Abs. 2 Nr. 4 VwVfG), dass die Antragsteller ab dem Erlangen der Kontrolle im Sinne von § 29 Abs. 2 WpÜG an der Westwing Group SE, Berlin, nach jeder Hauptversammlung der Westwing Group SE, Berlin, die Hauptversammlungsanmeldungen für alle
  • eigenen oder ihnen nach § 30 WpÜG zuzurechnenden Stimmrechte,
  • sowie Stimmrechte, zu deren Ausübung die Antragsteller bevollmächtigt wurden und
  • Stimmrechte, deren Anmeldung von den Antragstellern veranlasst wurden,
soweit in den vorgenannten Fällen Anmeldungen zur Hauptversammlung der Zielgesellschaft erfolgt sind, bei der Bafin vorlegen.
Diese Auflage endet, wenn der Stimmrechtsanteil der Antragsteller an der Westwing Group SE, Berlin, die Kontrollschwelle im Sinne von § 29 Abs. 2 WpÜG wieder unterschreitet.

Die Befreiung beruht im Wesentlichen auf den folgenden Gründen:

A. Sachverhalt

I. Zielgesellschaft


Zielgesellschaft ist die Westwing Group SE mit Sitz in Berlin, eingetragen im Handelsregister des Amtsgerichts Charlottenburg unter HRB 239114 B (nachfolgend „Zielgesellschaft“).   (...)

Scherzer & Co. AG veröffentlicht Angebotsunterlage für freiwilliges öffentliches Aktienrückkaufangebot

Die Scherzer & Co. AG (im Folgenden auch „Gesellschaft“) hat heute die Angebotsunterlage für das am 21. Oktober 2026 angekündigte Aktienrückkaufangebot im Bundesanzeiger (https://www.bundesanzeiger.de) und auf der Internetseite der Gesellschaft unter https://www.scherzer-ag.de/die-scherzer-aktie/aktienrueckkaufangebot-2026 veröffentlicht.

Die Gesellschaft bietet ihren Aktionären an, bis zu 1.000.000 eigene Stückaktien (WKN 694 280) zu einem Rückkaufpreis von EUR 2,70 je Aktie zu erwerben.

Die Frist für die Annahme des Angebots beginnt am 02. November 2026, 0:00 Uhr (MEZ), und endet vorbehaltlich einer Verlängerung des Angebots am 27. November 2026, 24:00 Uhr (MEZ).

Die auf diesem Wege erworbenen eigenen Aktien der Gesellschaft können für die nach der Ermächtigung durch die Hauptversammlung vom 26. Mai 2025 zulässigen Zwecke verwendet werden, können aber auch eingezogen werden.

Aktionäre, die das Angebot annehmen möchten, werden gebeten, sich bezüglich der notwendigen Schritte an ihre jeweilige Depotbank zu wenden.

Köln, 30. Oktober 2026

Der Vorstand

PSI Software SE: PSI nach neun Monaten mit Umsatzwachstum und Einmalaufwendungen

Berlin, 30. Oktober 2026 – Der PSI-Konzern hat in den ersten neun Monaten des Jahres 2026 den Konzernumsatz um 3,6 % auf 210,9 Millionen Euro gesteigert (30.09.2025:203,6 Millionen Euro). Das um Kosten für Restrukturierung und transaktionsbezogene Kosten bereinigte Betriebsergebnis (Adjusted EBIT) wurde im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 5,7 Millionen Euro deutlich verbessert (01.07.-30.09.2025: 2,3 Millionen Euro). Bedingt durch Restrukturierungskosten war das unbereinigte Betriebsergebnis (EBIT) im dritten Quartal mit −10,5 Millionen Euro erneut negativ (01.07.-30.09.2025: −22,5 Millionen Euro). In den ersten neun Monaten ging das Adjusted EBIT mit 4,6 Millionen Euro 20,7 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück (30.09.2025:5,8 Millionen Euro), während das EBIT sich auf −15,3 Millionen Euro verbesserte (30.09.2025: −20,4 Millionen Euro). Das Konzernergebnis lag entsprechend bei −22,9 Millionen Euro (30.09.2025: −26,3 Millionen Euro). Der Auftragseingang, der 2025 durch einige sehr große Aufträge und Nachholeffekte nach dem Cyberangriff von 2024 geprägt war, lag nach neun Monaten mit 217 Millionen Euro 19,3 % unter dem Vergleichswert des Vorjahres (30.09.2025: 269 Millionen Euro). Der Auftragsbestand lag mit 161 Millionen Euro 14,4 % unter dem Vorjahreswert (30.09.2025: 188 Millionen Euro).Das Segment Grid & Energy Management verzeichnete positive Effekte durch das im Vorjahr initiierte Kostensenkungsprogramm und erzielte einen 16,7 % höheren Umsatz von 113,1 Millionen Euro (30.09.2025: 96,9 Millionen Euro) sowie ein Betriebsergebnis von 1,4 Millionen Euro (30.09.2025: −8,0 Millionen Euro).

Im Segment Process Industries & Metals litt auch weiterhin unter der Krise der europäischen Stahlindustrie, so dass der Umsatz um 15,9 % auf 44,6 Millionen Euro zurückging (30.09.2025: 53,1 Millionen Euro). Das Betriebsergebnis des Segments war mit −7,5 Millionen Euro negativ, was wesentlich durch Restrukturierungskosten bedingt war (30.09.2025: 3,0 Millionen Euro).

Der Umsatz im Segment Discrete Manufacturing stabilisierte sich im dritten Quartal und lag mit 25,0 Millionen Euro 2,2 % unter dem Vergleichswert des Vorjahres (30.09.2025: 25,5 Millionen Euro). Das Betriebsergebnis war aufgrund von Restrukturierungskosten und der Aufwendungen für die Cloud- und SaaS-Transformation mit −6,0 Millionen Euro negativ (30.09.2025: −1,0 Million Euro).

Das Segment Logistics steigerte den Umsatz um 11,1 % auf 28,2 Millionen Euro (30.09.2025: 25,4 Millionen Euro). Das Betriebsergebnis war infolge von Restrukturierungskosten und der Aufwendungen für die Cloud- und SaaS-Transformation mit −3,1 Millionen Euro negativ (30.09.2025: 0,4 Millionen Euro).

Die Mitarbeiterzahl des Konzerns verringerte sich auf 2.198 (30.09.2025: 2.373). Der Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit war mit −21,1 Millionen Euro negativ (30.09.2025: 7,6 Millionen Euro). Die liquiden Mittel erhöhten sich gegenüber dem Jahresende 2025 auf 33,2 Millionen Euro (31.12.2025: 27,3 Millionen Euro), während sich die kurzfristigen Finanzverbindlichkeiten auf 16,6 Millionen Euro verringerten (31.12.2025: 18,5 Millionen Euro).

Im Juli 2026 hat PSI eine Barkapitalerhöhung durchgeführt, die vollständig von der Zest Bidco GmbH, der Bietergesellschaft des freiwilligen Übernahmeangebots, gezeichnet wurde, wodurch PSI rund 29 Millionen Euro Eigenmittel zugeflossen sind. Am 20. Oktober 2026 hat Warburg Pincus ein öffentliche Delisting-Erwerbsangebot veröffentlicht, so dass die PSI-Aktien nach dem Ende der Annahmefrist nicht mehr im regulierten Markt handelbar sein werden. Im September 2026 wurde ein weiteres Kostensenkungsprogramm initiiert, durch das insbesondere bisher dezentrale Verantwortlichkeiten gebündelt und Prozesse weiter vereinheitlicht werden.

Im August 2026 hat der Vorstand die Prognose für das Geschäftsjahr angepasst und erwartet unter der Annahme einer stabilen Risikosituation ein Umsatzwachstum um 5 %, einen Auftragseingang auf Vorjahresniveau und eine um Einmalaufwendungen bereinigte EBIT-Marge von etwa 2 %.

Der PSI-Konzern entwickelt Softwareprodukte zur Optimierung des Energie- und Materialflusses bei Versorgern und Industrie. Als unabhängiger Softwarehersteller mit rund 2.200 Beschäftigten ist PSI seit 1969 Technologieführer für Prozesssteuerungssysteme, die durch die Kombination von KI-Methoden mit industriell bewährten Optimierungsverfahren für eine nachhaltige Energieversorgung, Produktion und Logistik sorgen. Die innovativen Branchenprodukte können vom Kunden selbst oder in der Cloud betrieben werden. www.psi.de

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Anmerkung der Redaktion:

Die im Rahmen des Delisting-Erwerbsangebots angebotenen Gegenleistung kann nach der Neuregelung durch das StoFöG von annehmenden Aktionären im Rahmen eines Spruchverfahrens überprüft werden, siehe: https://spruchverfahren.blogspot.com/2026/08/neuregelung-des-spruchg-nunmehr.html

Donnerstag, 29. Oktober 2026

Wann ist ein Börsenkurs im Sinne des IDW S 17 für eine Bewertung geeignet?

von Rechtsanwalt Martin Arendts, M.B.L.-HSG

Der Börsenkurs spielt eine immer wichtigere Rolle bei Spruchverfahren. Hintergrund sind zwei Beschlüsse des Bundesgerichtshofs aus den Jahren 2023 ("WCM") und 2024 ("Kabel Deutschland"):

  • BGH, Beschluss vom 21. Februar 2023 – II ZB 12/21 (TLG/WCM)

Der Börsenkurs kann grundsätzlich den vollen Wert der Beteiligung abbilden und alleinige Grundlage der Abfindung sein. Voraussetzung ist, dass er im konkreten Fall eine verlässliche Aussage über den Verkehrswert erlaubt. Eine perfekte Informations- oder Allokationseffizienz des Kapitalmarkts ist jedoch nicht erforderlich.

  • BGH, Beschluss vom 31. Januar 2024 – II ZB 5/22 (Vodafone/Kabel Deutschland)

Der BGH bestätigt die grundsätzliche Eignung des Börsenkurses sowohl für die Abfindung nach § 305 AktG als auch für den festen Ausgleich nach § 304 AktG. Er nennt unter anderem geringe Handelsvolumina, Handel nur an wenigen Börsentagen und geringen Streubesitz als mögliche Indizien einer Marktenge. Auch Kursmanipulationen, unerklärliche Kurssprünge und Verstöße gegen kapitalmarktrechtliche Veröffentlichungspflichten können die Aussagekraft beeinträchtigen.


Mit dem am 18. November 2025 verabschiedeten neuen IDW S 17 – Beurteilung der Angemessenheit börsenkursbasierter Kompensationen hat das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) einen Rahmen geschaffen, um diese Frage systematisch zu beantworten. Im Mittelpunkt steht die Prüfung, ob der Börsenkurs auch den verfassungsrechtlich zu fordernden „wahren“ wirtschaftlichen Wert der Aktie widerspiegelt und damit als alleiniger Maßstab für eine Abfindung oder Ausgleichszahlung geeignet ist.

Ansonsten kann der Börsenkurs allenfalls als Untergrenze dienen. Den Betrag konnte ein Aktionär beim Verkauf seiner Anteile über die Börse erzielen (Desinvestitionsinteresse). Der sonst maßgebliche Ertragswert basiert auf den erwarteten zukünftigen Gewinnen des Unternehmens, abgezinst auf den Stichtag.

1. Was ist das Ziel des IDW S 17?

Der Standard betrifft insbesondere aktien- und umwandlungsrechtliche Strukturmaßnahmen, bei denen Aktionäre eine angemessene Abfindung oder Ausgleichszahlung erhalten sollen. Dazu zählen beispielsweise der Ausschluss von Minderheitsaktionären (Squeeze-out) sowie Beherrschungs- und Gewinnabführungsverträge.

Die entscheidende Frage lautet: Kann der Börsenkurs als verlässlicher Indikator für den vollen wirtschaftlichen Wert der Aktie herangezogen werden, oder ist eine eigenständige Unternehmensbewertung erforderlich?

Dabei sind zwei Funktionen des Börsenkurses zu unterscheiden:

  • Börsenkurs als Wertmaßstab: Der Kurs soll den wirtschaftlichen Wert der Aktie vollständig widerspiegeln.

  • Börsenkurs als Wertuntergrenze: Der Kurs kann unter den einschlägigen rechtlichen Voraussetzungen eine Mindestgröße für die Abfindung darstellen, wenn die Aktie frei veräußerbar ist.

Diese Funktionen sind nicht gleichzusetzen. Die Frage, ob der Börsenkurs den vollen wirtschaftlichen Wert abbildet, erfordert nach IDW S 17 eine eigenständige Analyse der Marktverhältnisse. Für die Funktion als Wertuntergrenze ist dagegen die freie Veräußerbarkeit maßgeblich; die Informationseffizienz des Marktes ist hierfür nicht entscheidend.

Der IDW S 17 sieht sechs Mindestbeurteilungskriterien vor. Sie sollen zeigen, ob der Kapitalmarkt die verfügbaren Informationen angemessen verarbeitet und ob der beobachtete Kurs die wirtschaftlichen Chancen und Risiken der Aktie widerspiegelt. Die Kriterien sind im Zusammenhang zu würdigen; sie sind weder hierarchisch geordnet noch vollständig voneinander unabhängig.

Ist die Aktie breit gestreut, oder wird das Unternehmen von einem Groß- bzw. Mehrheitsaktionär wirtschaftlich dominiert? Zu prüfen ist, ob die Eigentümerstruktur die Preisbildung verzerrt, etwa aufgrund von Interessenkonflikten, Informationsasymmetrien oder strategischem Timing einer Strukturmaßnahme.

(2) Liquidität des Aktienhandels

Wird die Aktie regelmäßig und in ausreichendem Umfang gehandelt? Wesentliche Indikatoren sind Handelsvolumen, Handelsfrequenz und Geld-Brief-Spanne (Bid-Ask-Spread). Ein geringer Streubesitz oder sporadische Umsätze können dazu führen, dass einzelne Transaktionen den Kurs überproportional beeinflussen.

(3) Marktabdeckung und Analystenbeobachtung

Wird das Unternehmen von unabhängigen Marktteilnehmern und Analysten ausreichend beobachtet? Relevant sind insbesondere die Verfügbarkeit fundierter Prognosen, deren Aussagekraft und die Frage, ob die Einschätzungen den wirtschaftlichen Wert des Unternehmens abbilden oder durch wertfremde Faktoren beeinflusst werden.

(4) Berichterstattung und Informationsversorgung

Sind die wesentlichen wertrelevanten Informationen öffentlich zugänglich und werden die Kapitalmarktteilnehmer hinreichend gleichmäßig informiert? Unvollständige Berichterstattung, Informationsvorsprünge einzelner Marktteilnehmer oder unzureichende Kapitalmarktkommunikation können die Preisbildung beeinträchtigen.

(5) Zeitliche Nähe und Stichtagsbezug

Entspricht der betrachtete Kurszeitraum noch den maßgeblichen wirtschaftlichen Verhältnissen? Wesentliche Veränderungen der Ertragslage, der Finanzierungsstruktur, des Geschäftsmodells oder des wirtschaftlichen Umfelds zwischen Referenzzeitraum und Bewertungsstichtag können die Aussagekraft des Kurses beeinträchtigen.

(6) Kursbeeinflussung und Marktverhalten

Gibt es Anzeichen für ungewöhnliche Kursbewegungen, Übernahmespekulationen, Insiderinformationen, nicht rationale Marktreaktionen oder sonstige Einflüsse, die nicht dem wirtschaftlichen Wert entsprechen? Entscheidend ist, ob der Kurs das Ergebnis einer belastbaren Preisbildung ist.

3. Wie funktioniert das Ampelsystem?

Die sechs Kriterien werden nach dem IDW S 17 anhand ihrer jeweiligen Ausprägung beurteilt. Das Ampelsystem (grün, gelb, rot) unterstützt die abschließende Gesamtbeurteilung:

  • Grün – keine wesentlichen Bedenken

Das Kriterium spricht dafür, dass der Börsenkurs den wirtschaftlichen Wert angemessen widerspiegelt. Es bestehen insoweit keine wesentlichen Anhaltspunkte für eine Verzerrung.

  • Gelb – kritische Anhaltspunkte

Es bestehen Zweifel an der Aussagekraft des Kurses, die weitergehend zu würdigen sind. Der Börsenkurs darf bei einer gelben Ausprägung nicht als alleiniger Bewertungsmaßstab herangezogen werden.

  • Rot – wesentliche Bedenken

Das Kriterium spricht gegen die Eignung des Börsenkurses als alleinigen Maßstab. Bei mindestens einer roten Ausprägung ist der objektivierte Unternehmenswert nach IDW S 1 maßgeblich.

Wichtig ist die Konsequenz: Bereits eine gelbe oder rote Ausprägung bei mindestens einem Kriterium schließt die alleinige Heranziehung des Börsenkurses nach dem Ampelkonzept des IDW S 17 aus. Die Kriterien sind daher nicht einfach zu einem Durchschnittswert zusammenzurechnen. Vielmehr muss der Wirtschaftsprüfer die einzelnen Ergebnisse würdigen und daraus eine eigenverantwortliche Gesamtbeurteilung ableiten.

Die Prüfung der Marktqualität ist nur ein Teil der Beurteilung. Zunächst muss der richtige Börsenkurs ermittelt werden.

Für die börsenkursbasierte Kompensation gelten insbesondere folgende Grundsätze:

  • Kursart: Maßgeblich ist grundsätzlich ein nach § 24 BörsG festgestellter Börsenpreis. Bloße Schätzkurse, Geld- oder Briefkurse sowie OTC-Preise sind keine geeigneten Börsenkurse im Sinne des Standards.

  • Referenzzeitraum: Nach der einschlägigen Rechtsprechung ist grundsätzlich der umsatzgewichtete Durchschnittskurs innerhalb der drei Monate vor Bekanntgabe der Strukturmaßnahme relevant.

  • Stichtagsbezug: Der betrachtete Kurs muss im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Verhältnissen zum maßgeblichen Bewertungsstichtag beurteilt werden. Abweichungen vom üblichen Referenzzeitraum können im Einzelfall sachgerecht sein, etwa nach einer öffentlichen Übernahme.

  • Dokumentation: Die Auswahl des Kurszeitraums, die Analyse der sechs Kriterien und die Herleitung der Gesamtbeurteilung müssen nachvollziehbar dokumentiert werden.

5. Was bedeutet das für die Bewertungspraxis?

Der IDW S 17 erhöht die Anforderungen an die Begründung, wenn eine Abfindung oder Ausgleichszahlung allein auf einem Börsenkurs beruhen soll. Für die Bewertungspraxis ergeben sich daraus drei wesentliche Konsequenzen:
  1. Der Börsenkurs ist kein Automatismus. Auch ein regulär festgestellter Kurs eines börsennotierten Unternehmens muss hinsichtlich seiner wirtschaftlichen Aussagekraft geprüft werden.

  2. Die Qualität des Kapitalmarkts ist entscheidend. Handelsliquidität, Anteilseignerstruktur und Informationsversorgung können die Aussagekraft eines Kurses wesentlich beeinflussen.

  3. Die Gesamtbeurteilung muss nachvollziehbar sein. Eine bloße Auflistung der Kriterien genügt nicht; die Ergebnisse und ihre Konsequenzen für die Angemessenheit der Kompensation müssen transparent abgeleitet werden.

Der Standard betrifft dabei nicht pauschal jede Unternehmensbewertung. Sein sachlicher Schwerpunkt liegt auf der Beurteilung börsenkursbasierter Kompensationen im Zusammenhang mit aktien- und umwandlungsrechtlichen Strukturmaßnahmen. Für andere Bewertungsanlässe ist zunächst zu prüfen, welche Bewertungsgrundsätze und rechtlichen Anforderungen einschlägig sind.

Ein Börsenkurs ist im Sinne des IDW S 17 dann als alleiniger Bewertungsmaßstab geeignet, wenn er unter den konkreten Markt- und Informationsbedingungen den vollen wirtschaftlichen Wert der Aktie angemessen widerspiegelt. Hierfür sind sechs Kriterien zu untersuchen: Anteilseignerstruktur, Liquidität, Marktabdeckung, Informationsversorgung, Stichtagsbezug und Kursbeeinflussung.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob ein Börsenkurs existiert, sondern ob er wirtschaftlich aussagekräftig ist. Sobald mindestens ein Kriterium gelb oder rot ausfällt, scheidet der Kurs als alleiniger Maßstab nach dem Ampelkonzept aus; dann ist der objektivierte Unternehmenswert nach IDW S 1 maßgeblich.